(Dieses vor einem öffentlichen Notar unterzeichnete Dokument habe ich
als Klarstellung und Zeugenaussage verfasst, die vor Gerichten und
anderen Behörden verwendet werden kann, wenn dies zur Wahrheitsfindung
nötig ist. Ein Name auf diesem Dokument wurde vorläufig von mir
unkenntlich gemacht):
Sachverhaltsdarstellung auf Grund einer kriminalpolizeilichen Vorladung
Im Alter von 10 - 11 Jahren kam mein Bruder - damals 14 Jahre alt -
zu mir ins Zimmer. Sein Name ist N.N., wir wohnten damals in Wien 8,
Schlösselg. 19/19. Er begann mich auszuziehen , legte sich mit mir ins
Bett und befriedigte sich sexuell an mir. Das Ganze wiederholte sich
mehrmals, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, wobei sich mein Bruder
jedesmal bis zur Erektion an mir verging.
Im Laufe der Zeit, als ich mehr und mehr geschlechtsreif wurde, kam
mehr und mehr Angst vor einer Schwangerschaft in mir auf. Jedes Mal war
ich passiv, hatte einen Ekel davor und war heilfroh, wenn der Vorgang
vorüber war. An Gegenwehr war nicht zu denken, ich hatte Angst vor
seinem Jähzorn.
Als die Menstruation nach so einem Vorfall verzögert war, bekam ich die
Panik und öffnete mich meiner Mutter, damals war ich ca. 16 Jahre alt.
Meine Mutter meinte, ein Kind von meinem Bruder dürfe nicht auf die
Welt kommen und steckte mich in die heiße Badewanne, ließ ganz heißes
Wasser vom Boiler nach und wollte damit ein mögliches Kind abtreiben.
Diese Behandlung verursachte mir große Kreislaufprobleme. Im Nachhinein
hatte ich große Gewissensbisse, womöglich ein Kind getötet zu haben.
Sie schärfte mir ein, es ja nicht meinem Vater zu erzählen. Sie meinte,
er würde N.N. erschlagen. Leider musste ich als Kind mit ansehen, dass
mein Vater auch meiner Mutter gegenüber gewalttätig war. Meines Wissens
hatten sie wegen Ehestreitigkeiten auch psychologische Eheberatung in
Anspruch genommen. Meine Mutter schärfte mir ein, meinem Bruder in
Zukunft ein "Nein" zu sagen, wenn er sich wieder unsittlich nähern
würde. Bei einer weiteren Gelegenheit hatte ich ihn dann abgewiesen,
und er ließ mich in Ruhe. Daraufhin hatte ich wieder Gewissensbisse,
weil ich ihm gegenüber nicht willfährig war.
Auf Grund all dieser Vorfälle hatte ich schon damals erhebliche Lern
und Konzentrationsschwierigkeiten und starke Beziehungsprobleme. Bei
der Aufnahmeprüfung zur Musiktherapieschule wurde beim psychologischen
Teil festgestellt, dass ich für diese Ausbildung psychisch zu labil
sei.
Später bekam ich Hilfe durch Kontakt mit einer christlichen
Glaubensgemeinschaft, die mich dazu ermutigte, psychotherapeutische
Behandlung in Anspruch zu nehmen, was mir auch tatsächlich geholfen
hat.
Wien, am 27. 5. 1999
Wiltrud Griess
Dampfmühlg. 3/10
1110 Wien
Im Einzelnen möchte ich zu den Aussagen meines Vaters noch Folgendes ergänzen:
Die Familie des Dr. Koller hat mich seinerzeit sehr liebevoll
aufgenommen. In vielen Nöten Hilfe suchend, wandte ich mich oft an Frau
Koller, die mir in mütterlicher Fürsorge und langen Telefongesprächen
mit großer Geduld geholfen hat. Das alles, obwohl Dr. Koller wegen
seiner Hilfsbereitschaft von meinem Vater bei der Ärztekammer angezeigt
wurde! Er mußte sich wegen der Hetzjagd meines Vaters sogar vor dem
Disziplinarrat der Ärztekammer verantworten. Am 21.5.1986 wurde Dr.
Koller von den Beschuldigungen freigesprochen, die mein Vater gegen ihn
vorgebracht hatte.
Ich habe anfänglich in meiner ersten Begeisterung und teilweise
auch krankheitsbedingt vieles, was die Lehre der Gemeinschaft betrifft,
mißverstanden. Mein Vater hat allerdings eine Menge Aussagen subjektiv
interpretiert, so dass sie eine ganz andere Bedeutung ergeben als
ursprünglich gemeint war.
Auf einen Punkt möchte ich besonders eingehen und zwar, was meine Berufsausbildung betrifft:
- Herbst 1981: Erster Versuch der Aufnahmsprüfung für Musiktherapie; Ergebnis: Durchgefallen im musikalischen Teil.
- September 1982: Zweiter Versuch der Aufnahmsprüfung an
der Hochschule für Musiktherapie; Ergebnis: Musikalischer Teil
bestanden; beim psychologischen Teil durchgefallen; Begründung/Urteil:
Psychisch zu labil für diesen Beruf. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich
noch nichts von der Existenz der Norwegerbewegung. Ich hatte schon zu
dieser Zeit große persönliche Probleme, auch wegen der Nichtaufnahme an
der Hochschule, und war auf der Suche nach meinem persönlichen Weg.
- Oktober 1982: Bekanntschaft mit Peter und Evelyn Koller im Norwegischkurs an der Universität Wien.
- März 1983: Meine Eltern laden einige Kinder der Familie
Koller zu sich nach Hause ein und Vati macht für die Koller-Söhne eine
Betriebsführung an seinem Arbeitsplatz (IBM). Auch von Seiten meiner
Glaubensfreunde gibt es aufrichtige Versuche einer menschlichen
Kontaktaufnahme mit meinen Eltern, im Interesse mir zu helfen.
- Juli 1983: Ich entschließe mich zur Physiotherapieausbildung und werde schließlich aufgenommen.
Ich weise auf einen Widerspruch meines Vaters hin: Auf Seite
2/Absatz 4 seines Berichtes behauptet er, ich wäre nach kürzester Zeit
die schlechteste Schülerin der Klasse gewesen.
Auf Seite 3/Absatz 1 behauptet er, ich hätte einen Teil der
Abschlußprüfungen derselben Schule mit gutem Resultat bestanden, wäre
dann zur Glaubensgemeinschaft zurückgegangen und plötzlich wäre es mit
mir schlecht gegangen.
Wahrheit ist viel mehr:
Nach dem ersten Jahr meines Physiotherapiestudiums hatte ich die
1. Zwischenprüfung bestanden. Im folgenden Jahr verschlechterte sich
mein Gesundheitszustand (ständige Konfrontationen mit meinen Eltern,
Schlafstörungen, Depressionen, Tagschlaf), sodass ich in ärztliche
Behandlung mußte.
Auf Grund meiner Krankheit und des versäumten Lehrstoffes
konnte ich das Jahr in den Hauptgegenständen nicht abschließen. Ich
wiederholte das Schuljahr und kurz vor den Abschlussprüfungen
entschloss ich mich (nachdem ich mehrere Jahre von den "Norwegern"
Abstand genommen hatte), wieder zur Glaubensgemeinschaft
zurückzukehren, und zwar trotz allen Widerstandes, den ich mir deshalb
von Seiten meiner Eltern erwartete.
Schon vor meiner Begegnung mit den "Smiths Freunden" hatte ich
auf Grund meiner Kindheitserlebnisse und psychischen Labilität ständige
Lern- und Konzentrationsschwächen. Auch die Abschlussprüfungen zur
Physiotherapie schaffte ich aus diesem Grunde nicht, man gab mir von
Seiten der Schule jedoch den Rat, in dieser Berufssparte (Sozialberuf)
zu bleiben.
Aus einer inneren Trotzhaltung entschloss ich mich jedoch, in
einem Büro zu arbeiten, wobei mir meine Eltern die erste Stelle
vermittelten.
Auch die Behauptung, dass ich mit allerlei Tricks versucht
haben soll, Geld von meinem Vater herauszulocken, muss ich aufs
Entschiedenste zurückweisen. Ich war damals finanziell noch von meinen
Eltern abhängig und im Zuge meiner Krankheit gab es Krankenhauskosten
in einem Privatspital. Ich möchte jedoch unterstreichen, dass mein
Vater immer sehr großzügig mit Geld war und kaum etwas für sich
beanspruchte.
Deshalb bat ich ihn einmal, als ich mich schon längere Zeit von unsrer
Glaubensgemeinschaft zurückgezogen hatte, um einen Geldbetrag für
meinen damaligen Freund. Seine immer größer werdende Skepsis, dass ich
das Geld für die Glaubensgemeinschaft ausgeben würde, hielt mich jedoch
zurück, in Hinkunft finanzielle Hilfe zu erwarten bzw. zu erbitten.
Ganz im Gegenteil: Freunde unserer Glaubensgemeinschaft griffen mir oft
in Krisensituationen finanziell oder mit Telefonkarten und
Einkaufsgutscheinen unter die Arme!
Was meine Wohnung betrifft, bat ich meine Eltern trotz aller Skepsis, die sie hatten, um mein eigenes Prämiensparbuch,
um mir die Wohnung besser finanzieren zu können. Ich nahm deshalb
meinen Vater zur Maklerfirma mit, um ihm zu zeigen, dass dieses Geld,
gemeinsam mit einem aufgenommenen Kredit, wirklich der Maklerfirma
zufiel. Er hielt das für eine Inszenierung unserer Gemeinschaft und ich
war ratlos. Damals nahm ich mir vor, ihn nicht mehr in irgendeiner
persönlichen Situation um Hilfe oder Rat zu bitten.
Mein Vater schiebt die Schuld für jede Aktion, die ich in
meiner turbulenten "Loslösungsphase von den Eltern" gesetzt habe, der
Glaubensgemeinschaft und ihrer Lehre in die Schuhe und schmückt sich
mit allen fremden Federn, wenn es um positive Handlungen geht.
Ich habe noch nie von ihm gehört oder gelesen: Es tut mir leid, auch ich habe Fehler begangen.
Wien, am 10. 3. 2000
Wiltrud Griess