Gott gegen Gott

Artikel aus der Zeitschrift “profil”, Nr.51/52, vom 19.12.1988 (gekürzt)

Von Ernst Schmiederer

god2godTed Patricks größtes Kapital ist sein Selbstbewußtsein: “Meine Erfahrungen und meine Erfolge sprechen für sich. Ich halte einen Erfolgsrekord.”

Daß er sich immer wieder gerichtlichen Anklagen gegenübersieht, ficht den mittlerweile 57-jänrigen Amerikaner nicht an. In der Hauptsache werde ihm vorgeworfen, “Personen gegen ihren Willen festzuhalten”, bekennt er freimütig. Weil er seine Arbeit aber als Mission versteht, läßt ihn dieser Vorwurf kalt: “Ich bin häufiger von diesen Anklagen freigesprochen als verurteilt worden.”

Er selbst bezeichnet seine Tätigkeit als “deprogramming”, er versuche, Menschen, “deren Geist durch eine Sekte gefangengenommen worden ist, zu retten, zu befreien”. Er deprogrammiere den manipulierten Geist eines Sektenopfers und bringe den Familien, den Eltern ihre durch ihn geheilten Kinder zurück. 1600 Personen, erzählte Patrick dem “playboy” schon 1979 in einem Interview, habe er bis dahin deprogrammiert. Von denen seien “weniger als 30 zur Sekte zurückgegangen. Die meisten entkamen, bevor wir die Möglichkeit hatten, sie durch den ganzen Prozeß des Deprogrammierens und Rehabilitierens hindurchzuführen”.

Seine Berufung, er selbst spricht von einem “Kreuzzug gegen die Sekten”, ist auch heute noch sein Beruf.

Al, eine ruhige 5000-Seelen-Gemeinde in Norwegen, drei Autostunden von Oslo entfernt. Beschaulichkeit ohne Ende. Sanfte Hügel. Elchspuren durchbrechen die dünne Schneedecke. In einem der Holzhäuser lebt seit dem Mai des vergangenen Jahres die Grazerin Kathrin Köberl, seit Juli 1987 verehelichte Kathrin Espegard.

Die 28-jährige promovierte Medizinerin fühlt sich berufen. Als Hausfrau und Mutter eines Säuglings will sie ihrem “Mann eine gute Frau sein”. “Es steht ja auch in der Heiligen Schrift”, begründet sie ihr Bekenntnis, “daß eine Frau ihrem Ehemann gehorsam und untertan sein soll. Wir legen Wert darauf, daß der Mann das Haupt ist in der Familie, im Haus. Ich sehe, daß das Frieden und Einheit bringt, eine gute Atmosphäre schafft”.

Kathrin Espegard gehört einer Urchristengemeinde an. Sie und ihre Glaubensgenossen werden – nach ihrem Begründer Johan Oskar Smith – in Norwegen “Smith venner”, “Smith’ Freunde”, genannt. Außerhalb des Landes firmiert die Gemeinschaft schlicht als “Norweger”…

“Wir wollen uns im alltäglichen Leben genau an Gottes Wort halten”, umreißt die junge Frau ihre Glaubensgrundsätze:” Und man sieht in unserer Gemeinschaft die Früchte davon: harmonische Ehen, glückliche Kinder, glückliche Familien, keine Scheidungen. Die Frau als Mutter hat bei uns ein erfülltes Leben.”

Am 25. April vergangenen Jahres kreuzte Ted Patrick im Leben der Kathrin Köberl auf. “Er hat mir gesagt, daß ich den Teufel in mir habe. So, wie die Eva auch verführt worden ist vom Teufel, genauso bin ich verführt worden. Ich bin nicht normal, hat er gesagt. Ich bin in eine satanische Gruppe gekommen, die mich beherrschen und mein Geld nehmen will”.

Fast vier Tage lang wurde Kathrin Köberl – zuerst in ihrer eigenen Wohnung in Graz, später dann in einer abgelegenen Hütte im steirischen Bezirk Deutschlandsberg – gefangengehalten. Fast vier Tage lang versuchte Ted Patrick sie zu “deprogrammieren”. In der Nacht zum 29. April konnte sie aus ihrem Gefängnis flüchten.

Besonders grausam, erzählt die Frau in ihrer norwegischen Wahlheimat, seien Ted Patricks Drohungen gewesen: “Er hat gesagt, daß er mich für zehn Jahre festhalten wird. Er hat gesagt, daß ich meinen Verlobten nie wieder sehen werde”.

Immer noch hat Kathrin Espegard Angst. “Ich habe”, sagt sie, “Polizeischutz in unserem Ort”. Im Wohnzimmer ist ein Alarmknopf installiert worden. Wenn sie diesen drückt, ertönt in der nahen Polizeidienststelle ein Signal. Geht sie außer Haus, dann trägt sie unter dem Pullover ein Funkpiepserl. “Ich habe nach wie vor Angst, daß Leute kommen und mich entführen wollen”.

profil2Der Grazer Staatsanwalt Hermann Schnuderl hat den Fall in eine Anklageschrift gefaßt. “Mit Gewalt” sei Kathrin Köberl “zur Duldung einer sogenannten ‘Deprogrammierung’…durch den farbigen Amerikaner und dessen Begleiterin Brenda genötigt” worden.

Kathrin sei dabei von ihrer Mutter Elisabeth, ihrem Bruder Thomas, dem Medizinstudenten Werner Eichholzer und den “beiden abgesondert verfolgten amerikanischen Staatsangehörigen” in ihrer Wohnung in der Grazer Korösistraße Nr. 104 “gegen ihren Willen vom 25. April 1987 bis 27. April 1987 gefangengehalten” worden.

Thomas Köberl und Werner Eichhozer hätten “die Griffe an den Fenstern und an der Balkontür abmontiert, um Hilferufe zu verhindern”.

Mit einem Handtuch, später mit Leukoplast, sei ihr “der Mund verschlossen” worden. “In der Folge hat man sie an einen Sessel gefesselt und Hilferufe mittels eines Radiogerätes übertönt.” Am Abend des 27. April habe man die gefesselte “mittels eines Pkw nach Osterwitz, Bezirk Deutschlandsberg, in die sogenannte Zachmühle gebracht und sie dort bis zu ihrer Flucht nachts zum 29. April weiterhin gefangengehalten”.

Entgegen Kathrins Willen habe man “die Deprogrammierungsbehandlung während der gesamten Zeit fortgesetzt und die Genannte durch die Gewaltausübung längere Zeit hindurch in einen qualvollen Zustand versetzt”.

Am Dienstag dieser Woche wird ein Schöffensenat zu entscheiden haben, ob die Angeklagten (auch ein im damaligen Wohnhaus von Kathrin lebendes Ehepaar, Michael und Sigrid Czernovsky, war an der Aktion beteiligt und steht deshalb vor dem Landesgericht Graz) das Verbrechen der schweren Nötigung, das Verbrechen der Freiheitsentziehung sowie das Vergehen der Körperverletzung begangen haben.

“Jahrelang”, sagte die Mutter Elisabeth Köberl in der ersten Verhandlung, wollte sie ihre Tochter auf “legalem Weg” von ihrem Glauben, von den “Norwegern” wegbringen. “Ich habe alles versucht. Es ist mir jahrelang nicht gelungen. Wie es sich gegipfelt hat, sah ich in Ted Patrick die letze Chance”.

Ted Patrick begann seinen Kampf 1968…Auch Elisabeth Köberl erinnerte sich vor Gericht an die ersten Begegnungen ihrer Tochter mit den “Norwegern”: “Meine Tochter ist gekommen und hatte veränderte Augen. Dieser Blick bestand, nachdem sie von diesen Versammlungen nach Hause gekommen war”.

16 Jahre alt sei ihre Tochter Kathrin damals gewesen. “Wir hatten vorher alles miteinander unternommen. Auf einmal war nichts mehr von früher vorhanden. Es war, als ob sie in einer anderen Welt lebte. Sie sagte, sie wollte nicht so werden wie ich”. Was die Mutter so trifft, bestätigt die Tochter umstandslos. Im Norwegischen Al erinnert sie sich an ihre Jugendjahre. Sie habe wirklich eine andere Welt gesucht. Die Welt ihrer Mutter war nicht die ihre: “Ich wollte ein anders Leben”.

Aufgewachsen ist sie im steirischen Stainach. Die Eltern, der Vater war Berufsschuldirektor, die Mutter Hausfrau, seien zwar Katholiken gewesen, den Gottesdienst hätten sie aber nicht besucht. Mit ihrer Großmutter, “einer eher strengen Katholikin”, sei sie deshalb “oft zur Kirche gegangen”.

Die Eltern hätten “ein schlechtes Verhältnis” gehabt: “Sie haben selten miteinander gesprochen: Das ist wohl einige Jahre so gegangen. Mein Vater hat allein essen müssen, ist allein am Tisch gesessen: Sie haben sich auch geschlagen gegenseitig, geohrfeigt. Sie haben sich nicht verstanden.” So, sagt sie, erinnere sie sich an “die Kindheit”.

1974 wurden die Eltern geschieden. Der 15jährige Bruder Thoams geht mit dem Vater. Die 14jährige bleibt bei ihrer Mutter.

Kathrin, die das Bundesgymnasium und Bundesrealgymansium in Stainach besuchte, entschied sich in der 5. Klasse für das Wahlpflichtfach Russisch. Dietrich Hummer, ihr Russischlehrer, beeindruckte sie: “Er hat einige Dinge über den glauben erwähnt, die mich sehr angesprochen haben. Er hat gesagt, daß er sich bemüht, ein gutes Familienleben zu führen, daß er nach der Bibel leben will, daß er die Bibel ernst nehmen will.”

Das stand im Gegensatz zum Leben der Familie, in der sie groß geworden war, ohne sich sicher zu fühlen. Sie – und auch andere Schülerinnen – besuchten den Russischprofessor zu Hause. Sein Familienleben hinterließ bleibenden Eindruck: Frau Huemer opfert sich für ihren Mann und die mittlerweile sechs Kinder auf. Kathrin glaubte zu sehen, was sie in ihrer eigenen Familie vermißte: “Ich hab gesehen, daß da wirklich ein Zusammenhalt ist.”

Wenn Huemer zudem immer wieder davon gesprochen hat, “daß man noch lange kein Christ ist, wenn man sich nur Christ oder Katholik nennt”, war seine Schülerin beeindruckt:” Ich habe angefangen, in der Bibel zu lesen”.

Je stärker sich Kathrin zum Glauben ihres Lehrers, zu dessen Familienleben, zu den “Norwegern” hingezogen fühlte, desto stärker entzog sie sich der Mutter…

Kathrin lebt “nach der Bibel”, so wie die “Norweger” die Bibel verstehen. Paulus, sagt sie, habe geschrieben, “daß eine Frau sich sittlich und schicklich kleiden soll…Weil in “einem Briefe von Paulus steht, dass es für eine Frau natürlich ist, langes Haar zu tragen”, läßt auch Kathrin ihr Haar wachsen…

Briefe aus dieser Zeit belegen, wozu sich die “Norweger” berufen fühlen. Die Familie des Russischlehrers macht ihr schriftlich “Mut”: “Gott hat dich zu seiner Braut berufen.” Die “Norweger”-Schwester Ines Huemer schreibt ihr, “daß wir gerettet sind vor der Verdammnis”, daß “uns alle Sünden vergeben sind” und “daß wir umgestaltet werden zu herrlichen Menschen, wie Jesus einer war”.

In Graz beginnt sich nach einigen Wirren – erst will sie in einer Bank arbeiten, dann ein Fremdsprachenstudium machen – mit dem Medizinstudium. Die Mutter kümmert sich um eine Wohnung, in der ihre Kinder gemeinsam leben sollen.

Kathrin wünscht, daß auch ihr Bruder Thomas “mehr Beziehung zum Glauben kriegt”. Der Bruch ist programmiert…

Elisabeth Köberl führt einen verzweifelten Kampf um ihre Tochter. Aus heutiger Sicht haben die Unternehmungen der Mutter die Ansichten der Tochter noch weiter verfestigt. “Wirklich beherrscht gefühlt hab ich mich nicht in unserer Gemeinschaft, sondern von meiner Mutter”, sagt Kathrin.

Sonntags, wenn sie zu den Versammlungen der “Norweger” gehen will, versucht die Mutter, sie zurückzuhalten: Kathrin will trotzdem weg. Die Mutter sperrt sie in der eigenen Wohnung ein. “Brutal und ohne Rücksicht”, sagt Kathrin. “Sie hat einfach den Schlüssel abgezogen. Teilweise ist sie so zornig geworden, daß sie mich brutal geschlagen hat. Das waren nicht nur Ohrfeigen, so richtig”.

Elisabeth Köberl will ihre Tochter wiederhaben. Weil sie selbst es nicht schafft, bittet sie erst Bekannte, dann prominente Katholiken, schließlich auch Psychologen, mit Kathrin zu sprechen…

Obwohl Kathrin Köberl wußte, daß ihre Mutter sie “retten”, damit von den “Norwegern” ablösen, von ihrem “Freunden” wegbringen wollte, ließ sie sich auf diese Gespräche immer wieder ein. Argumentierte, verteidigte ihren Glauben gegenüber katholischen Priestern. Die Mutter fühlte sich durch die Ergebnisse dieser Begutachtungen immer wieder in den Ängsten um ihre Tochter bestätigt. Ted Patrick war ihre letzte Hoffnung: “Dieser Mann”, sagte sie vor Gericht, “ist Volksheld Nummer eins, weil er helfen kann.”

Repgrogrammierung. Auf ihrer Suche nach Hilfe stößt Elisabeth Köberl auf die umstrittene Psychotechnik des “Deprogrammierens”.

Das menschliche Bewußtsein könne, so der theoretische Unterbau der Deprogrammierer, durch Indoktrination wie ein Tonband bespielt, programmiert werden. Die Persönlichkeit werde dabei durch das Programm überdeckt. Ted Patrick glaubt, daß man dieses zwangsweise eingespielte Programm durch Überzeugungsarbeit, durch “herausfordernde Fragen” wieder löschen kann. Der so Deprogrammierte beginne wieder selbständig zu denken. Die Methode ist naturgemäß höchst umstritten und wird selbst von den Sektenreferenten der katholischen und evangelischen Kirchen als “schwerer Verstoß gegen Freiheit und Würde des Menschen” abgelehnt.

Elisabeth Köberl ist in ihrer Verzweiflung dennoch überzeugt, “daß ein Deprogrammieren meiner Tochter durch Befreiungsgespräche zweifellos möglich ist”. In Linz stößt sie auf eine Leidensgenossin, die sie auf Patrick und seine Arbeit aufmerksam macht.

Am 14. April 1987 überweist Frau Köberl 8000 US-Dollar (damals 102.000 Schilling) nach San Diego an Ted Patrick. Verwendungszweck auf dem Überweisungsformular: “Honorar f. Behandlungskosten”.

Am 24. April treffen Patrick uns seine Begleiterin Brenda, eine angeblich von ihm selbst deprogrammierte Frau, in Wien-Schwechat ein. Frau Köberl bringt die beiden nach Graz.

Am nächsten Tag, einem Samstag, “sind diese Menschen dann aufgetaucht”, erinnert sich Kathrin: “Sie haben angeläutet, sind hereingekommen wie ein Besuch: ein Neger aus Amerika, dieser Patrick also, eine Frau und der Medizinstudent. Sie haben sich ins Wohnzimmer gesetzt und angefangen, mit mir zu sprechen. Ich habe ganz harmlos gedacht, daß die meine Mutter oder meinen Bruder besuchen. Das Merkwürdige war nur, daß dieser Neger dann sofort vom Glauben zu sprechen angefangen hat.”

Gemeinsames Mittagessen. “Plötzlich sagt er, daß er jetzt für ein Jahr in der Wohnung bleiben will, weil er mich wieder zurückgewinnen möchte, sozusagen als normalen Menschen.” Kathrin gerät in Panik, will zur Wohnungstür raus. Die ist verschlossen.

Als “abnormal, verführt, hypnotisiert” habe er sie bezeichnet. Sie habe versucht, ihm mit ihrer Überzeugung zu antworten.

“Sie ist”, sagt ihre Mutter dem Gericht, “eskaliert und hat sehr geschrien, es war ein Zeichen, daß er er sie emotionell erreicht hat. Das hat Ted Patrick gesagt, daß das so ist”. In der Nacht zum 29. April – man hatte Kathrin inzwischen gefesselt und geknebelt in die abgelegene Hütte transportiert – knüpfte sie gegen drei Uhr zwei Leintücher aneinander und seilte sich aus dem ersten Stock ab. Nach dreieinhalb Stunden Fußmarsch erreichte sie ein ihr unbekanntes Haus.

“Ich wollte”, sagt Kathrin Espegard heute, “ein Leben, wo ich wirklich die Garantie habe, daß es gutgeht in der Zukunft. Hier führen wir ein Leben mit Gott, und dadurch habe ich im alltäglichen Leben einen Sinn gefunden.”